Überblick über das Gedächtnis

Gedächtnissysteme

DAS Gedächtnis gibt es nicht. Die genauere Definition des Begriffs lautet „Unter Gedächtnis verstehen wir alle Prozesse und Systeme, die wir einsetzen, um Informationen einzuspeichern, aufzubewahren, abzurufen und anzuwenden sobald die ursprüngliche Quelle der Information nicht mehr verfügbar ist. Zu diesen Informationen gehören Bilder, Wörter, Geräusche, Düfte, autobiographische Details, ein generisches Wissen über die Welt und spezifische Fertigkeiten, etwa unsere motorischen Fertigkeiten oder unsere Sprache.“ (nach: Thomas Gruber, E-Books Gedächtnis, Springer-Verlag, Wiesbaden, 2011, P. 156)
Dabei unterscheiden wir zwei Gedächtnissysteme: das Kurzzeitgedächtnis und das Langzeitgedächtnis.

Kurzzeitgedächtnis

Das Kurzzeitgedächtnis dient dazu, Inhalte ganz kurz zu behalten: Beispielsweise benötigen wir es, um im Supermarkt die Preise verschiedener Lebensmittel zu vergleichen. Konzentrieren wir uns zwischendurch kurz auf etwas anderes, sind alle Inhalte aus dem Kurzzeitgedächtnis wieder verschwunden. Die Folge: Wir müssen den Preisvergleich neu beginnen.

Langzeitgedächtnis

Das Langzeitgedächtnis speichert alle Inhalte, auf die wir längere Zeit zurückgreifen müssen. An diese Inhalte erinnert man sich auch noch, wenn man sich zwischendurch anderen Aufgaben widmet.

Wie das Langzeitgedächtnis aufgebaut ist

Das Langzeitgedächtnis gliedert sich in das prozedurale Gedächtnis und in das deklarative Gedächtnis. Wie man schwimmt, ist ein Prozess und folglich im prozeduralen Gedächtnis gespeichert. Im deklarativen Gedächtnis sind Inhalte abgelegt, die man bewusst wieder hervorholen kann. Man unterscheidet das deklarative Gedächtnis noch in das semantische und in das episodische Gedächtnis. Das semantische Gedächtnis erfasst, was Begriffe bedeuten. Namen sind ein Beispiel dafür. Das episodische Gedächtnis kümmert sich um Ereignisse. Beispielsweise darum, wann man das letzte Mal geschwommen ist. Ein Spezialfall des episodischen Gedächtnisses ist das autobiografische Gedächtnis. Es bezieht sich auf die eigene Lebensgeschichte. Zuletzt gibt es noch das prospektive Gedächtnis. Da geht es um die Dinge, die man zukünftig machen will: "Ich muss im Gedächtnis behalten, den Elektriker anzurufen, bevor ich die Kinder am Bahnhof abhole."


So funktioniert unser Gedächtnis

Es gibt drei Gedächtnisfunktionen:

  • Aufnahme,
  • Speicherung,
  • und Abruf.

Zuerst nehmen wir über unsere Sinne Informationen auf. Das Gehirn verarbeitet diese Informationen, es kategorisiert sie und speichert sie in verschiedenen Gehirnstrukturen. Bei Bedarf werden die Informationen dann wieder abgerufen:

Aufnahme

Über Augen, Ohren, Nase, Mund und Haut nehmen wir täglich zahlreiche Informationen auf. Diese Informationen werden über Nervenbahnen ans Gehirn weitergeleitet. Das Gehirn erkennt die Reize und verarbeitet sie ihrer Bedeutung entsprechend. Was wir von unserer Umwelt nicht wahrnehmen, kann vom Gehirn auch nicht gespeichert werden.

Speichern

Wenn sie nicht gespeichert werden, verblassen die Informationen, die wir mit unseren Sinnesorganen wahrgenommen haben, bald. Um Informationen zu speichern, setzen wir daher bewusst bestimmte Gedächtnisstrategien ein. Es sind „Wiederholen – Visualisieren – Assoziieren – Strukturieren“ sowie weitere Methoden und Memotechniken. Außerdem speichert unser Gehirn Informationen und Reize aus der Umwelt auch ohne unser aktives Zutun.

Abrufen

Eigentlich sollte einmal Gelerntes jederzeit abrufbar sein. Weit gefehlt: Manchmal liegt uns zum Beispiel ein Name auf der Zunge und wir kommen einfach nicht drauf. Solche Wortfindungsstörungen sind keine Frage des Alters: Sie kommen bei Teenagern genauso vor wie bei Senioren. Wir können uns dabei selbst auf die Sprünge helfen, wenn wir wissen, wie Gedächtnisinhalte abgerufen werden: Mit Hilfe des freien Abrufs, mit Hinweisreizen oder mit Wiedererkennung (siehe „Wie kommen wir an unsere Erinnerungen“)


Wie kommen wir an unsere Erinnerungen?

Wer hat nicht schon mal erlebt, dass ihm ein Name nicht mehr einfallen wollte? Man schiebt das gerne aufs Alter. Aber auch im Alter haben wir mehr im Gedächtnis, als wir denken. Zum Beispiel kommt eine Einladungskarte ins Haus, die die Einschulung des Enkels ankündigt. Wie schön! Sogleich entsteht vor dem inneren Auge das Bild der eigenen Einschulung. Dabei dachte man vorher nicht im Entferntesten an diesen Tag. Der Abruf-Reiz zur Erinnerung war die Einladungskarte. Denn wir erinnern uns erst, wenn ein Abruf-Reiz eine bestimmte Schwelle erreicht. Konkret unterscheidet man den freien Abruf, den Hinweisreiz und das Wiedererkennen. Zum Beispiel die Frage „Nenne mir das Wahrzeichen von Köln." ist ein freier Abruf. Bleibt die Antwort aus, kann ein Hinweisreiz helfen: Es fängt mit "K" an. Kommt der Gesprächspartner immer noch nicht auf den Namen, schlägt man ihm vier Wahrzeichen vor: "Kölner Dom, Brandenburger Tor, Wuppertaler Schwebebahn oder Reeperbahn." Bestimmt sagt er: "Kölner Dom". Außer, sein Allgemeinwissen hat eine große Lücke. Dem Gedächtnis helfen ferner Fragen, die mit "Weißt du noch..." beginnen. Weitere Abruf-Reize können zum Beispiel sein: Eine Spielfilm-Szene, die Bemerkung einer Person, ein Duft oder ein Geräusch. Abruf-Reize lassen sich auch bewusst erzeugen: Indem man Bilder betrachtet oder alte Bücher liest. Dass wir uns mit Hilfe von Abruf-Reizen erinnern, nutzt die so genannte Loci-Methode. Das ist eines der ältesten und effektivsten Trainings fürs Gedächtnis. Man merkt sich Dinge, indem man sie mental an bekannten Orten platziert. Im Gedächtnis schreitet man diese Orte später geistig ab. Das ruft die Dinge, die man sich merken wollte, schnell und einfach wieder auf.


Geistesabwesenheit

Gedächtnisfehler aus Geistesabwesenheit sind auf eine geteilte Aufmerksamkeit zurückzuführen: Wer beispielsweise einen soeben gehörten Satz inhaltlich nicht wiederholen kann, leidet noch lange nicht an einem gestörten Gedächtnis. Vielleicht war er gerade geistesabwesend und gedanklich konzentriert bei etwas Anderem? Ist ein Gespräch langweilig, schweift der Geist gerne mal ab. Ob alt oder jung: Das ist normal. Tritt das häufiger auf, mag sogar das Gegenteil von einem schlechten Gedächtnis vorliegen. Hinter abschweifenden Gedanken kann auch stecken, dass das Arbeitsgedächtnis herausragend ist. Ein unterforderter Geist wandert. Lösen die Gedanken dabei schon zukünftige Probleme ist diese Art der Vergesslichkeit durchaus positiv.

Bei Aktivitäten, die wir routinemäßig erledigen, handeln wir ebenfalls manchmal geistesabwesend und machen deshalb Gedächtnisfehler. Der Grund dafür ist, dass wir im Gedanken statt in der Gegenwart schon bei wichtigeren zukünftigen Dingen sind. Wir vergessen darüber zum Beispiel, ob wir die Haustüre abgeschlossen haben und wo wir die Brille hingelegt haben. Diese Art der Geistesabwesenheit ist ein besonderes Problem für Menschen, die ständig viele Aufgaben unter einen Hut bringen müssen. Routine-Aktivitäten zu vergessen kann nämlich ärgerliche Zeit kosten: Wir gehen zurück nach Hause, um zu sehen, ob die Haustüre abgeschlossen ist oder nicht. Oder wir suchen unsere Brille stundenlang in der ganzen Wohnung.

Auch das Versagen des vorausplanenden (prospektiven) Gedächtnisses ist auf Geistesabwesenheit zurückzuführen. Anstatt geplante Handlungen durchzuführen, sind wir gedanklich längst woanders und vergessen, was wir eigentlich machen wollten: Etwa ein Glas Wasser zu trinken oder ein Medikament einzunehmen. Zum einen hilft, die geplante Handlung vor dem inneren Auge zu sehen und diese mit einer Routinetätigkeit zu verbinden. Beispielsweise wir stellen uns abends ein Glas Wasser neben die Kaffeemaschine und sehen im Geiste, wie wir es am nächsten Morgen trinken, bevor wir uns einen Kaffee kochen. Oder wir verwenden den Timer des Smartphones, der morgens, mittags und abends klingelt und uns daran erinnert, dass wir unsere Medikamente einnehmen müssen.


Vergessen ist lebenswichtig

Erinnern Sie sich noch, um wieviel Uhr Sie am 26. März 2012 den Bäcker angerufen haben und was Sie am 17. Juni 2007 zum Abendbrot gegessen haben? Wahrscheinlich nicht oder wenn, dann doch eher zufällig? Dass wir uns nicht minuziös an jeden Tag aus unserer Vergangenheit erinnern können, zeugt von einem gesunden Gedächtnis. Zwar haben einige Menschen auf der Erde ein so gutes autobiografisches Gedächtnis, dass sie sich detailliert an alles erinnern, was sie an jedem einzelnen Tag ihres Lebens gemacht haben. Das ist aber krankhaft und diese Menschen leiden in der Regel unter dieser Fähigkeit. Der Fachausdruck für ein überdurchschnittliches autobiografisches Gedächtnis ist Hyperthymesie.

Sich immer alles zu behalten widerspricht eigentlich der natürlichen Arbeitsweise des Gedächtnisses. Nur weil wir Dinge vergessen, können wir Gedächtnisinhalte strukturieren und die Spreu vom Weizen trennen. Könnten wir das nicht, würden uns wie den Hyperthymesie-Betroffenen ständig unwichtige Dinge durch den Kopf gehen. In der Folge könnten wir unseren Alltag nur mit Mühe bewältigen. Vögel zum Beispiel sehen wir täglich. Nicht auszudenken, im Kurzzeitgedächtnis wäre jeder entdeckte Vogel präsent: Uns schwirrten nur noch Vögel im Kopf. Wir wären nicht überlebensfähig: Denn selbst für einfache Tätigkeiten wie das Kaffee kochen wäre die geistige Kapazität dann zu gering.

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